Der Kaiser und die Selbstvergessenheit

Einst, vor unermesslich langer Zeit, wandelte der Kaiser der goldenen Erde an den äußersten Grenzen seines Reiches. Die Sonne malte glühende Strahlen auf die Hügel, und der Wind trug das Flüstern ferner Welten. Vom Gipfel eines hohen Berges betrachtete der Kaiser sein weites Land, das wie ein endloses Meer aus Licht und Schatten vor ihm lag.

Während er in die Tiefe seines Reiches blickte, glitt ihm sein goldener Ring, das Zeichen seiner Macht und Weisheit, vom Finger. Der Ring fiel, glitzernd wie ein Stern, hinab in die unergründliche Welt. Der Kaiser war betrübt, und sein Herz wurde schwer wie Stein. Er rief seine treuesten Diener herbei.

Zuerst wandte er sich an den Verstand. „Du, kluger Verstand,“ sprach der Kaiser, „durchsuche die Welt und bringe mir meinen Ring zurück.“ Der Verstand gehorchte und suchte mit scharfem Denken und Logik jede Ecke, doch der Ring blieb verschwunden.

Als Nächstes sandte der Kaiser die Weisheit aus. „Weisheit, die die Geheimnisse des Lebens versteht, geh hinaus und finde, was mir gehört.“ Die Weisheit streifte durch die Welt, doch auch sie konnte den Ring nicht entdecken.

Verzweifelt rief der Kaiser den Scharfblick. „Scharfblick, der alles sieht und nichts übersieht, finde meinen Ring.“ Doch selbst das schärfste Auge konnte den verlorenen Schatz nicht erspähen.

Da, als alle Hoffnung verging, rief der Kaiser schließlich die Selbstvergessenheit zu sich. „Selbstvergessenheit,“ sagte er, „ich weiß nicht, ob du mir helfen kannst, doch du bist meine letzte Hoffnung. Suche den Ring, der mir so teuer ist.“

Die Selbstvergessenheit lächelte still und verschwand. Es dauerte nicht lang, da kehrte sie zurück und hielt den Ring in ihrer offenen Hand. Ihr Antlitz strahlte von einer tiefen Ruhe.

Der Kaiser war außer sich vor Freude, doch auch voller Verwunderung. „Wie ist das möglich?“ fragte er. „Warum konnte weder Verstand, noch Weisheit, noch Scharfblick finden, was du so schnell entdeckt hast?“

Die Selbstvergessenheit lächelte sanft. „O Kaiser, nur wer sich selbst vergisst, kann wirklich suchen. Nur das Auge, das sich selbst nicht sieht, kann das Wesentliche erkennen. So fand ich, was verborgen war.“

Ergriffen von dieser Weisheit, nahm der Kaiser die Selbstvergessenheit zu sich. Von diesem Tage an lebte er glücklicher und weiser als je zuvor, denn er hatte gelernt, dass wahre Erkenntnis nur im Loslassen liegt.

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