Gehirn – Komplementarität – Wirklichkeit  

Das Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie

Das menschliche Bewusstsein bzw. das menschliche Gehirn (Ich-Welt) scheint in der biologischen Evolution mit (mindestens) zwei Vermögen ausgestattet worden zu sein: mit dem Vermögen des Verstandes (Erklären) und mit dem Vermögen der Vernunft (Verstehen). Diese Differenzierung soll – auch aus heuristischen Gründen – mit der funktionellen Asymmetrie der beiden Großhirn-Hemisphären der menschlichen Großhirnrinde in Verbindung gebracht werden. Der linken Hemisphäre wird (aus neurobiologischer Sicht) oft ein eher männlich- rational- erklärendes Denken und der rechten Hemisphäre ein eher weiblich- intuitiv- verstehendes Denken zugeschrieben. Der menschliche Geist hat also (mindestens) zwei spezifische Zugänge zu der einen Wirklichkeit, welche sich in der Unterteilung von (erklärender) Naturwissenschaft und (verstehender) Geisteswissenschaft (z.B. Theologie) ausdrückt und ihre Grundlage in der funktionellen Asymmetrie der Großhirn -Hemisphäre findet.

Der Verstand beschäftigt sich in erster Linie mit dem objektiven Gegebensein von Welt (Nicht-Ich bzw. Es-Welt). Er ist der Ort der Naturwissenschaften (z.B. der Physik), die einen spezifischen Zugang zur Wirklichkeit beschreiten. Sie versuchen die objektive Wirklichkeit in bestimmte Ausschnitte zu unterteilen, zu beschreiben und zu erklären. Sie versuchen kausale Erklärungen für materielle Phänomene zu geben, gehen also explanatorisch vor. Ihre Fragen richten sich vor allem an das So-Sein von Mensch und Welt. Sie arbeiten überwiegend nomologisch, intellektuell und in der Position des Beobachters, abstrahieren also weitgehend vom Subjekt. Ihre Methoden sind  Beobachtung und Experiment. 

Die Vernunft beschäftigt sich vor allem mit dem subjektiven Gegebensein von Welt (Ich und Fremd-Ich bzw. Du-Welt, Interpretation der Es-Welt). Sie ist der Ort der Geisteswissenschaften (z.B. der Theologie), die einen anderen Zugang zur Wirklichkeit wählen. Diese versuchen spezifische Ausschnitte der subjektiven, intersubjektiven (und objektiven) Wirklichkeit zu deuten, zu verstehen und in Sinn-Kategorien einzuordnen. Sie versuchen interpretierende Erzählungen (Geschichten) für kulturelle Phänomene, aber auch für naturwissenschaftliche Erkenntnis zu liefern. Ihre Fragen richten sich vor allem an das Da-Sein von Mensch und Welt. Sie arbeiten überwiegend teleologisch, existentiell und in der Position des Teilnehmers, abstrahieren also weitgehend vom Objekt. Ihre Methoden sind vor allem Dialektik und Hermeneutik. 

Geht man zum einen davon aus, dass diese beiden Fähigkeiten im menschlichen Geist bzw. im menschlichen Gehirn (durch evolutive Prozesse) gegeben bzw. entstanden sind und zum anderen, dass die entsprechenden Gedanken (vorwiegend) sprachlich dargestellt werden müssen, so könnte die Symbolisierungsfähigkeit des Menschen als „Verbindungsklammer“ dieser beiden Vermögen angesehen werden.

Jeder Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie ist nur dann sinnvoll, wenn die Teilnehmer zu einem Perspektivwechsel bereit bzw. im Stande sind: wenn z.B. bei theologisch relevanten Fragestellungen (z.B. „Urknall“ versus „creatio ex nihilo“) Theologen in der Lage sind, vorübergehend in die Beobachterrolle (der objektiven Naturwissenschaft) zu wechseln, um dann die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse für ihre Teilnehmerperspektive, also für die Theologie, fruchtbar zu machen. Eine entsprechende Bereitschaft, also das Wechseln von der Beobachter- in die Telnehmerperspektive, muss auch vom Naturwissenschaftler erwartet werden; denn auch er lebt (im Alltag) nicht permanent in der Beobachterperspektive. Im Dialog ist es somit unausweichlich, auch die teleologische, existentielle Komponente in die Diskussion einfließen zu lassen.

Diese komplementäre Sichtweise von Naturwissenschaft und Theologie scheint weniger ontologisch, sondern eher epistemologisch aufgrund der Struktur und der Funktionsweise des menschlichen Gehirns verfasst und bedingt zu sein. Wie bei den sog. Kippfiguren scheint es kaum möglich, beide möglichen Sichtweisen der einen Wirklichkeit gleichzeitig einzunehmen. Falls jedoch beide Perspektiven (Beobachter und Teilnehmer) miteinander verglichen werden, so sollten keine Inkompatibilitäten auftauchen. Oder anders: Im Sinne des Konsonanz-Modells des Dialogs zwischen Theologie und Naturwissenschaft sollte sich die Frage nach dem Wie und Was von Welt und Mensch und die Frage nach dem Warum und Wozu zumindest nicht widersprechen. Mehr kann wohl nicht erwartet werden. Ziel eines solchen Dialoges müsste es von Seiten der Theologie auch sein, die komplementäre Struktur der Sichtweisen der Wirklichkeit, die vor allem aufgrund der epistemologischen Struktur des menschlichen Gehirns geprägt ist, zur Sprache zu bringen, um alle reduktionistischen Tendenzen einer sich naturalistisch verstehenden Naturwissenschaft zu relativieren.

Da beide Vermögen im menschlichen Geist als gegeben angenommen werden können und die Teilnehmerperspektive wohl die Bedingung der Möglichkeit der Beobachterperspektive ist,  ergibt sich die Einsicht, dass der Mensch (auch als Naturwissenschaftler) sich schon immer im Horizont seines eigenen Lebens verorten, deuten und interpretieren muss und sich somit metaphysischen bzw. teleologisch-sinnhaften Fragen und Antworten nicht entziehen kann. Diese Fragen und Antworten stellen sich in existentiellen Lebensvollzügen und sind kaum hintergehbar; denn empirische Tatsachen reichen nicht aus, um vollständig begründete Entscheidungen und Deutungen zu treffen. Somit ist wohl jeder Mensch letztlich Metaphysiker und die Qualität seiner metaphysischen Prämissen und Annahmen ist eng verbunden mit der Bereitschaft, die Begrenztheit der naturwissenschaftlich-naturalistischen Perspektive zu reflektieren und die neurobiologisch bedingte Komplementarität der Wirklichkeitssichtweisen zu berücksichtigen.

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