Kurzgeschichte: Lilly auf der Suche nach dem Gestern


Es war einmal ein kleines Mädchen namens Lilly. Lilly war voller Neugier und hatte eine lebhafte Fantasie. Eines Morgens, während sie in ihrem Zimmer spielte, kam ihr ein Gedanke, der sie nicht mehr losließ: „Wo ist eigentlich das Gestern?“

Lilly war fest davon überzeugt, dass das Gestern irgendwo noch da sein musste. Schließlich war es doch erst gestern gewesen! Sie beschloss, sich auf die Suche zu machen, um das Gestern zu finden.

Zuerst ging Lilly zu ihrer Mutter in die Küche. „Mama, wo ist das Gestern?“ fragte sie.

Ihre Mutter lächelte und antwortete: „Das Gestern ist vorbei, mein Schatz. Es existiert nur noch in unserer Erinnerung.“

Lilly runzelte die Stirn. Das war keine Antwort, mit der sie sich zufrieden geben konnte. Also beschloss sie, weiterzusuchen.

Als Nächstes ging Lilly zum alten Herrn Müller, der in der Nachbarschaft für seine Weisheit bekannt war. „Herr Müller, können Sie mir sagen, wo das Gestern ist?“ fragte sie.

Herr Müller dachte einen Moment nach und sagte dann: „Das Gestern ist wie ein Traum, Lilly. Es ist vorbei und wir können es nicht mehr berühren, aber wir tragen es in unseren Herzen und Köpfen mit uns.“

Lilly fühlte sich immer noch nicht überzeugt. Sie ging zum Spielplatz und fragte ihre Freunde, ob sie wüssten, wo das Gestern sei.

„Vielleicht ist es im Himmel!“ schlug Max vor.
„Oder im Wald, versteckt zwischen den Bäumen!“ meinte Anna.

Lilly lief in den Wald und schaute sich um. Sie fragte die Vögel, die Bäume und sogar die kleinen Käfer, aber niemand konnte ihr sagen, wo das Gestern war. Sie setzte sich auf einen großen Stein und dachte nach.

Da kam eine alte Frau den Weg entlang. Sie hatte freundliche Augen und ein warmes Lächeln. „Was bedrückt dich, mein Kind?“ fragte sie.

Lilly erzählte ihr von ihrer Suche nach dem Gestern. Die alte Frau setzte sich neben sie und sagte: „Weißt du, Lilly, das Gestern ist wie der Wind. Du kannst es nicht sehen oder festhalten, aber du kannst spüren, dass es da war. Es hinterlässt Spuren, aber es weht weiter, und wir können nur im Hier und Jetzt leben.“

Plötzlich verstand Lilly. Das Gestern war etwas, das man nicht festhalten konnte. Es war überall und nirgends zugleich. Sie lächelte und fühlte sich auf einmal sehr leicht. „Danke,“ sagte sie zur alten Frau und lief nach Hause.

Doch Lillys Fantasie ließ sie nicht ruhen. Sie stellte sich vor, dass das Gestern vielleicht in einer anderen Welt existiert, einer parallelen Dimension, in der die Zeit anders verläuft. In dieser Welt, dachte sie, könnten die Menschen das Gestern besuchen und erleben, als wäre es noch immer heute. Vielleicht gab es dort sogar eine Brücke, die die beiden Welten verband, unsichtbar für die meisten, aber erreichbar für die, die fest daran glaubten.

Eines Abends lag Lilly in ihrem Bett und dachte an eine andere Theorie, die sie faszinierte: die Vorstellung eines Informationsraums. Sie hatte gehört, dass alles, was jemals passiert ist, in einer Art unsichtbaren Bibliothek gespeichert sein könnte. Dort wären alle Gestern, jedes Lachen, jede Träne, jede Geschichte in Form von Daten aufgehoben, abrufbar für jene, die den Schlüssel zum Verständnis besitzen.

An einem warmen Sommernachmittag stellte Lilly sich eine Astralwelt vor, eine mystische Ebene, die unsere physische Realität überlagert. Sie träumte davon, dass in dieser Astralwelt die Seelen und Erinnerungen der Vergangenheit frei herumschwebten. Vielleicht könnte man dort in einem sanften Traum das Gestern wiederfinden, als ob man in einem magischen Spiegel in die Vergangenheit blickte.

Doch es war eine ganz besondere Idee, die Lilly am meisten tröstete. Sie stellte sich vor, dass das Gestern im Geist eines göttlichen Wesens bewahrt wird. Dieses Wesen, das vielleicht über allen Dingen wacht, könnte die Vergangenheit in einem unendlichen, wohlwollenden Gedächtnis speichern. So bliebe das Gestern auf eine besondere Art und Weise erhalten, zugänglich in den Momenten, in denen wir innehalten und uns erinnern.

Dann dachte Lilly daran, dass jedes Heute irgendwann zu einem Gestern wird. Und so wie das Gestern vergangen ist, wird auch das Heute irgendwann vergangen sein. Aber gleichzeitig bleibt es auf eine gewisse Weise doch immer bei uns. Diese Erkenntnis machte ihr klar, wie wertvoll jeder Moment ist. Weil jedes Heute bald ein Gestern wird, sollte man es umso mehr schätzen.

Von diesem Tag an dachte Lilly oft über das Gestern nach. Sie erkannte, dass jeder Moment kostbar ist und man ihn schätzen sollte, bevor er zum Gestern wird. Sie lernte, dass das Gestern Teil von ihr ist, in ihren Erinnerungen und Erfahrungen, aber dass das Leben im Jetzt stattfindet. Die Vorstellung, dass die Vergangenheit in einer universellen Weisheit bewahrt wird, gab ihr ein Gefühl von Frieden und Geborgenheit.

Und so lebte Lilly glücklich weiter, immer neugierig, immer lernend, und immer bewusst, dass das Gestern zwar vergangen ist, aber dass jeder neue Tag eine neue Chance bietet, etwas Wundervolles zu erleben.

Und wenn du, lieber Leser, einmal über das Gestern nachdenkst, dann erinnere dich an Lilly und ihre Suche. Vielleicht hilft es dir, im Heute glücklicher zu sein und die kleinen Wunder des Alltags mehr zu schätzen.

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