Elena saß auf der rostigen Plattform des alten Stahlturms, die Beine über den Abgrund baumelnd. Die Luft war kalt und schmeckte nach Metall und Regen, doch sie störte sich nicht daran. Unter ihr zog sich die Stadt wie ein endloses Gewebe aus Licht und Bewegung bis zum Horizont. Sie hatte den Überblick verloren, was echt war und was nur Spiegelungen in den schimmernden Fassaden. Alles wirkte wie ein Konstrukt – funktional, perfekt und doch unendlich weit entfernt.
Der Wind fegte durch ihre Haare, und sie zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Warum sie immer wieder hierher kam, konnte sie niemandem erklären. Vielleicht suchte sie nach etwas, das nur sie sehen konnte. Einem Spalt, einem Riss in der Welt. Einer Antwort, die nicht in den endlosen Datenströmen der Stadt zu finden war.
Ein kratzendes Geräusch ließ sie zusammenfahren. Elena drehte den Kopf. „Nelly?“ Natürlich. Die kleine Yorkshire-Terrier-Hündin war ihr wieder gefolgt. „Wie machst du das nur jedes Mal?“ Nelly, mit dem Stolz einer Königin, tappte auf sie zu und legte sich neben ihre Beine. Elena seufzte und strich ihr durch das Fell.
„Weißt du, Nelly, du passt nicht hierher.“ Sie lächelte halbherzig. „Vielleicht passe ich auch nicht hierher.“ Der kleine Hund hob nur kurz den Kopf und schnaubte.
Elena schaute wieder in die Ferne. Irgendetwas an diesem Blick faszinierte sie und ließ sie zugleich erschaudern. Manchmal glaubte sie, Bewegungen zu erkennen – ein kaum merkliches Zittern in der Luft oder ein Schatten, der nicht dorthin gehörte. Ein Fehler im Bild. Doch wenn sie genauer hinsah, war alles wieder normal.
Die Stadt summte. Ein konstantes, leises Brummen, das sich überallhin zog und in jedem Winkel vibrierte. Es war der Herzschlag der Technologie, die sie umgab, und doch war es auch nur Hintergrundrauschen, dem niemand mehr Beachtung schenkte.
„Hörst du das, Nelly?“, fragte sie leise, obwohl sie wusste, wie albern es klang. „Dieses Summen – es ist wie ein Lied ohne Anfang und Ende. Ein Klang, der immer da war und den niemand mehr wahrnimmt.“
Nelly gähnte und ließ sich auf den Bauch plumpsen. Elena lächelte. „Du hältst mich wohl für verrückt, hm?“
Die Wahrheit war: Elena fühlte sich schon lange fremd in dieser Welt. Sie hatte nie verstanden, wie alle anderen so ruhig bleiben konnten, während sie selbst das Gefühl hatte, jeden Moment könnte etwas herausbrechen, das größer war als alles, was sie kannte. Ein Gedanke, der nicht zu Ende gedacht werden konnte.
Plötzlich flackerte etwas in ihrem Augenwinkel. Ein leichtes Zittern, als wäre die Luft kurz unscharf geworden. Elena blinzelte. „Was…?“ Sie sah genauer hin, doch da war nichts.
Sie holte tief Luft und schloss für einen Moment die Augen. Vermutlich war es die Müdigkeit. Vielleicht hatte sie zu lange in die Lichter der Stadt gestarrt. Ja, das musste es sein.
„Komm, Nelly“, sagte sie und stand auf. Ihre Beine zitterten leicht, als sie den festen Boden der Plattform unter sich spürte. „Genug der großen Gedanken für heute.“
Sie hob Nelly auf den Arm und warf einen letzten Blick auf die Stadt. Das Lichtermeer lag still vor ihr, perfekt und unverändert.
Und doch blieb das Gefühl – wie ein kaum greifbares Flimmern am Rande ihres Verstandes.

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