Die Monitore flackerten kurz, bevor sich die Zahlenkolonnen stabilisierten. Elena saß still an ihrem Arbeitsplatz, die Schultern leicht gebeugt. Seit Stunden beobachtete sie die gleichen Messwerte, doch immer wieder war da dieses Flimmern, kaum sichtbar, aber es war da. Ihre Finger hielten einen Stift, mit dem sie gedankenlos Kreise auf ein Blatt Papier zeichnete – ein altes Ritual, das sie seit ihrer Jugend begleitete.
Hinter der Glasfront des Labors erstreckte sich die kanadische Wildnis, dunkel und reglos unter einem violetten Himmel. Es war der Blick, der sie beruhigte, wenn die Daten nicht mehr nur Zahlen, sondern Fragen wurden. Fragen, die niemand sonst stellen wollte.
Elena war Teilchenphysikerin und Kosmologin, eine jener Wissenschaftlerinnen, die den Raum zwischen dem Kleinsten und Größten zu fassen versuchten. Sie arbeitete an der Schnittstelle von Quantenphysik und kosmologischen Beobachtungen – einer Disziplin, die so speziell war, dass sie kaum jemand verstand. „Quantenfluktuationen im kosmischen Maßstab“ nannte man es offiziell. Einfach gesagt, suchte sie nach winzigen, kaum messbaren Störungen im Raum, die sich auf gigantische Entfernungen zu wiederholenden Mustern verstärkten – wie Echos aus einer anderen Dimension.
Die Einrichtung, in der sie arbeitete, war verborgen in den stillen Weiten Kanadas, weit entfernt von den großen, glänzenden Städten. Von außen ein schlichter Bau, doch im Inneren eine hochmoderne Forschungsstation, die mit Teleskopen, Satelliten und Datenknoten auf der ganzen Welt vernetzt war. NASA-Programme, private Institute und Regierungen lieferten Daten – Daten, die nach Mustern durchsucht wurden, die niemand finden wollte.
Elena seufzte. Der Monitor zeigte wieder das gleiche Flimmern. Es war fast nichts, ein kaum wahrnehmbares Zittern in den Messwerten der kosmischen Mikrowellenhintergrundstrahlung. (Das schwache Leuchten des Universums, das aus der Zeit kurz nach dem Urknall stammt.) Doch im letzten Monat hatte sich das Flimmern verändert. Es war regelmäßiger geworden. Rhythmischer.
„Ein Artefakt“, hätten die anderen Wissenschaftler gesagt. „Ein Messfehler.“ Doch sie wusste es besser.
Sie rieb sich die Schläfen und drehte sich zu Nelly um, die eingerollt auf einer Decke lag. „Denkst du, ich sehe Gespenster?“ Die Yorkshire Terrier-Hündin hob kaum den Kopf.
Elena lächelte matt und blickte wieder hinaus. Die Welt draußen war so still, dass sie das Gefühl hatte, die Wälder würden ihr zuhören.
2048. Die Gesellschaft, in der sie lebte, war geordnet. Städte schwebten, Maschinen optimierten alles, Hyperloops verbanden Kontinente in Minuten. Eine Symphonie aus Effizienz, die Risse im System unsichtbar machte. Wer heute an die Sterne dachte, tat es aus romantischer Nostalgie, nicht aus Sehnsucht.
„Früher… früher hat man noch Fragen gestellt.“
Ihre Eltern hatten nie verstanden, warum sie als Kind stundenlang den Himmel beobachtete. „Bleib mit beiden Beinen auf der Erde, Elena“, hatten sie gesagt. Aber Elena hatte nie gelernt, auf der Erde zu bleiben. Ihr Weg hatte sie hierher geführt – zu einer Spezialistin für kosmische Resonanzen, zu einer Forscherin, die Muster in der Realität suchte. Doch die Fragen, die sie heute stellte, waren größer als alles, was sie sich je erträumt hatte.
Sie schob den Stuhl zurück und stand auf. Ein leises Klopfen war in ihrem Kopf, rhythmisch und gleichmäßig, wie ein Herzschlag, der nicht ihrer war. Es war absurd.
„Ein Herzschlag des Universums“, murmelte sie und trat ans Fenster.
Für einen Moment glaubte sie, tief im Wald ein Licht zu sehen. Ein Flimmern, kaum anders als das auf ihrem Monitor, aber diesmal real. Sie blinzelte, und es war verschwunden.
Sie legte die Stirn gegen das kalte Glas.
Vielleicht ist es nur in mir.
Nelly rührte sich. Das leise Tappen ihrer Pfoten durchbrach die Stille, und Elena drehte sich um. Für heute hatte sie genug gesehen. Sie würde die Daten erneut durchsehen, aber nicht mehr jetzt. Jetzt wollte sie nichts hören außer dem Knarren der alten Heizung und dem langsamen Atem ihres Hundes.
„Morgen. Morgen finde ich heraus, was du bist“, flüsterte sie in den Raum.
Draußen fiel die Nacht über den Wald, und irgendwo, jenseits von Glas und Zahlen, begann das Flimmern wieder.

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