Die Tasse dampfte kaum noch, als Elena sie langsam zwischen den Händen drehte. Der Aufenthaltsraum war spärlich beleuchtet, das Mondlicht fiel kühl durch die großen Fenster und zeichnete helle Streifen auf die Kacheln. Es war spät, und die Station lag in einer Stille, die fast bedrohlich wirkte.
„Du siehst aus, als hättest du die letzte Nacht nicht geschlafen.“
Elena hob den Kopf. In der Tür stand Tarek, den Kopf leicht geneigt, wie immer mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Interesse und mildem Spott lag. Er hielt eine Tasse Kaffee in der Hand, deren Inhalt vermutlich genauso bitter war wie seiner.
„Habe ich nicht.“ Elena zuckte mit den Schultern und blickte zurück in ihre Tasse. „Schlaf ist für die, die nichts zu tun haben.“
Tarek schmunzelte und zog den Stuhl gegenüber zurück. „Oder für die, die wenigstens so tun können, als gäbe es keine Probleme.“ Er ließ sich nieder und sah sie aufmerksam an. „Also, was geht dir durch den Kopf? Du siehst aus, als hättest du etwas gefunden, das du nicht finden wolltest.“
Elena zögerte. Sie mochte Tarek – er war zuverlässig und wachsam, und irgendwie schaffte er es, mit seiner Skepsis Trost zu spenden. Er arbeitete als Systemingenieur in der Station, verantwortlich für die technischen Verbindungen zwischen den Messgeräten und dem Rechenzentrum. Ein stiller Denker, der nie zu viele Fragen stellte, aber auch selten Antworten liegen ließ.
„Es geht um die Resonanzen“, sagte sie schließlich leise.
„Die Resonanzen.“ Er wiederholte es langsam, so als würde er das Wort abwägen. „Die, die du letzte Woche schon erwähnt hast?“
Elena nickte. „Sie verstärken sich. Es ist schwer zu erklären – es ist wie ein Flimmern, das in den Daten auftaucht. Minimal, kaum wahrnehmbar. Aber es ist rhythmisch.“
„Ein Rhythmus?“ Tarek zog die Brauen zusammen. „Du meinst, das Universum summt?“
„Vielleicht.“ Elena starrte auf ihre Hände. „Es klingt verrückt. Ich weiß. Aber ich sehe es – in den Quantenfluktuationen der der Mikrowellenhintergrundstrahlung. Und ich spüre es. Als würde etwas tief in der Struktur der Realität schwingen.“
Tarek schwieg für einen Moment, dann trank er einen Schluck Kaffee. „Du weißt schon, wie das klingt, oder?“
„Ja.“ Elena drehte sich zur Fensterfront. Der Wald lag still unter dem Mondlicht, die Baumwipfel kaum mehr als eine schwarze Masse. „Aber wenn es kein Fehler ist, wenn ich recht habe… was bedeutet das?“
„Gute Frage.“ Tarek stellte die Tasse ab und betrachtete sie. Sein Blick war offen, aber dennoch vorsichtig. „Hast du schon mit den anderen gesprochen?“
„Wozu?“ Elena drehte sich zu ihm um. „Damit sie mir erzählen, es seien Artefakte? Messfehler? Vielleicht bin ich die Einzige, die es sieht, aber ich bin mir sicher, dass es real ist.“
Er seufzte und lehnte sich zurück. „Weißt du, warum ich dich mag, Elena? Weil du hartnäckig bist. Und weil du die Dinge siehst, die andere übersehen.“
„Das ist kein Kompliment.“
„Vielleicht doch.“ Er sah sie ernst an. „Hör zu – ich glaube nicht alles, was du sagst. Aber ich glaube, dass du etwas gefunden hast, das wir nicht erklären können. Und wenn das so ist, solltest du weitergraben.“
Elena nickte langsam. Es war nicht die Antwort, die sie wollte, aber es war genug. „Danke, Tarek.“
Er hob die Tasse in einer stillen Geste. „Dafür bin ich da. Außerdem – irgendjemand muss deinen Hund füttern, wenn du dich hier irgendwann in Luft auflöst.“
Nelly hob kurz den Kopf von ihrer Decke und sah zu ihnen herüber, bevor sie wieder einschlief.
Elena musste lächeln. Für einen kurzen Moment schien das Flimmern irgendwo in der Ferne nachzulassen.

Hinterlasse einen Kommentar