Es war, als sie 15 Jahre alt war, da erschien dieses Muster im Kornfeld. Eine Sommernacht, warm und flimmernd vor Unruhe, als hätte die Luft selbst zu zittern begonnen. Elena war auf dem Rückweg von einem Freund, die kleine Landstraße zwischen Feldern und Wiesen war ihr vertraut, beinahe langweilig – bis sie es sah.
Von weitem schon schien das Feld anders. Ein Schimmer lag darüber, als hätte sich der Mond in den Halmen verfangen und sie silbrig überzogen. Ihr Herz klopfte schneller, während sie über den Graben stieg, die Schuhe voller Staub. Und dann stand sie mitten davor. Ein Kreis, nein, ein Muster, das sich in feinen Linien und Bögen durch das Feld zog. Es war ein filigranes, kompliziertes geometrisches Gebilde, das sich aus unzähligen Einzelteilen zusammensetzte. Von oben hätte es wohl wie das Innere einer alten Uhr ausgesehen, Zahnräder und Spiralen, die ineinandergreifen, ein in sich vollkommenes System.
Das Korn war nicht gebrochen oder niedergewalzt, sondern lag sanft nieder, als hätte eine unsichtbare Kraft es sacht in diese Form geführt. Es sah aus wie das Ergebnis eines langsamen, achtsamen Vorgangs, beinahe meditativ – als wäre es nicht einfach entstanden, sondern erfüllt worden. Elena trat vorsichtig hinein. Das Korn unter ihren Füßen fühlte sich kühl und lebendig an. Ein leises Summen lag in der Luft, kaum wahrnehmbar, vielleicht auch nur in ihrem Kopf. Sie wollte es verstehen. Wie war so etwas möglich?
„Schon die Fäden gesehen, Mädchen?“
Die Stimme ließ sie zusammenzucken. Elena drehte sich ruckartig um und sah einen Mann, der am Rand des Kornkreises stand. Er sah aus wie jemand, der dort nicht hingehörte – alte Kleidung, ein abgewetzter Hut, der Schatten auf sein Gesicht warf.
Er lachte leise und murmelte weiter, fast mehr zu sich selbst: „Siehst du sie? Wie sie laufen, die Fäden… Alles verwebt, oben und unten, nur Schichten. Schicht um Schicht. Ein Augenzwinkern – und das da.“ Er deutete auf das Muster. „Das ist das, was übrig bleibt, wenn jemand versucht, zu schummeln.“
Elena verstand kein Wort, aber irgendetwas an der Stimme, den stockenden, rätselhaften Worten ließ sie frösteln. „Was redest du da?“ fragte sie lauter, als sie wollte.
Der Mann sah sie an, oder besser: durch sie hindurch. Seine Augen wirkten wie von einem trüben Licht erfüllt.
„Simulation, Kind. Ein Kornkreis – wie ein Riss im Stoff. Wer hineinschaut, sieht zu viel.“
Elena blieb sprachlos stehen, während er sich umdrehte und langsam in der Dunkelheit verschwand. Seine Schritte hinterließen kein Geräusch, als hätte der Boden ihn nicht berührt. Sie wollte hinterherrufen, doch ihre Stimme blieb ihr im Hals stecken. Simulation. Riss im Stoff. Es klang wie das wirre Gerede eines Verrückten. Und doch spürte sie, dass ein Teil seiner Worte wie ein Echo in ihr widerhallte, ein Echo, das sie nicht abschütteln konnte.
Sie drehte sich wieder um und blickte auf das Muster. Es schien jetzt noch komplexer, noch unergründlicher. Sie kniete sich nieder, legte eine Hand auf die niedergelegten Halme und schloss die Augen. Ein seltsames Gefühl überkam sie, fast so, als würde sie selbst ein Teil des Kornkreises werden. Die Linien und Spiralen begannen sich vor ihrem inneren Auge zu bewegen, zu tanzen, fließend und weich, wie ein endloses Räderwerk. Sie fühlte, wie ihre Atmung ruhiger wurde, ihre Gedanken sich leerten. Ein Zustand, der irgendwo zwischen Wachsein und Schlaf lag, fast meditativ.
Sie wusste nicht, wie lange sie so dort saß. Als sie die Augen wieder öffnete, war die Welt still und klar. Der Mond war weitergezogen, und die Luft hatte ihre Unruhe verloren. Elena stand auf und verließ das Feld, ohne zurückzublicken. Sie erzählte niemandem davon.
Am nächsten Tag war das Erlebnis noch so nah, dass sie den Duft des Kornfeldes und das Summen in der Luft beinahe noch spüren konnte. Die Worte des Mannes kamen immer wieder zurück. Schicht um Schicht. Ein Riss im Stoff. Die Erinnerung fühlte sich an wie ein Traum, und doch wusste sie, dass sie etwas Reales berührt hatte – etwas, das sie noch lange begleiten würde.

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