Elena saß auf der Bettkante und starrte auf die Stelle in der Luft, wo sie vor Tagen die Visionen von der Zukunft hatte. Es war, als hätte sich etwas für einen Augenblick gezeigt – etwas, das nicht hierher gehörte. Sie hatte den Kopf geschüttelt, es als Einbildung abgetan. Aber nun, im stillen Zimmer, kam es wieder hoch.
Elena rieb sich die Hände. Diese Stille war gefährlich, weil sie Raum ließ – Raum für Gedanken, die sie nicht einladen wollte. Schon früher, als Kind, hatte sie sich oft zurückgezogen, weil sie das Gefühl hatte, anders zu sein. Zu ernst, zu still, zu viel mit Fragen beschäftigt, die niemand sonst zu stellen schien. Während ihre Freunde unbeschwert durch die Felder rannten, saß sie oft am Rand, zog die Knie an und fragte sich, wohin die Welt verschwand, wenn man die Augen schloss.
„Du denkst zu viel“, hatte ihre Mutter gesagt. Es stimmte. In Momenten wie diesem konnte ein einzelner Auslöser reichen, um sie hinabzuziehen.
Gestern waren es die Visionen gewesen, oder war es ihre lebhafte Phantasie? Sie wusste nicht, was sie gesehen hatte, aber es war wie ein Splitter in ihrem Kopf, der sie nicht losließ. Was, wenn die Welt wirklich mehr war als das, was sie kannte? Was, wenn irgendwo Risse existierten, durch die etwas hindurchdrang? Ein Gedanke, der zu schwer war, um ihn festzuhalten – und zu verlockend, um ihn loszulassen.
Sie schloss die Augen und atmete tief durch. „Halt dich zusammen“, murmelte sie. Doch die andere Seite, die dunklere, war bereits da. Diese melancholische Schwere, die sie kannte, die immer wieder kam, wie eine alte Gewohnheit, der sie nie ganz entkommen konnte. Plötzlich war alles sinnlos – die Arbeit, die Fragen, die Suche. Alles drehte sich nur im Kreis. Was passierte am Ende? Ein großer Nichts, eine Leere, oder vielleicht ein unendliches Weiter?
Da spürte sie eine sanfte Berührung an ihrem Bein. Nelly. Die kleine Hündin saß vor ihr, schaute zu ihr hoch und wedelte leicht mit dem Schwanz. Elena öffnete die Augen und sah in die treuen, dunklen Augen des Tieres.
„Du bist wohl meine einzige Konstante“, sagte sie leise und ließ die Hand durch Nellys weiches Fell gleiten. Es beruhigte sie, wie immer. Die Wärme des kleinen Körpers, die bedingungslose Präsenz. Nelly war da, ohne zu fragen, ohne zu urteilen. Elena konnte sein, wie sie war – mit all ihren Zweifeln, ihrer Schwere und ihren seltsamen Gedanken.
„Weißt du“, fuhr sie fort, „manchmal fühlt sich das Leben an wie ein Kartenhaus, das jederzeit zusammenbrechen kann.“ Nelly stupste ihre Hand, als wollte sie widersprechen. Elena lächelte schwach. „Ja, ja, schon gut. Du hast recht. Manchmal steht es auch einfach. Vielleicht länger, als man denkt.“
Sie zog Nelly sanft auf ihren Schoß und lehnte sich zurück. Die Dunkelheit des Zimmers fühlte sich weniger erdrückend an, während das kleine Herz der Hündin gleichmäßig schlug. Der Raum war still, doch diesmal war es keine bedrohliche Stille. Es war einfach Ruhe. Für einen Moment war das genug.

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