Das Flimmern der Ewigkeit Kapitel 14: Musik

Elena saß auf der alten Holzbank in der Parkanlage, die Hände tief in die Taschen ihrer Jacke geschoben. Der Abendwind war kühl, er trug das Rascheln der Bäume und entfernte Schritte mit sich. Nelly tapste über den Kiesweg, schnupperte hier und dort, doch sie schien genauso ruhig wie Elena selbst. Es war die Art von Stille, die nicht unangenehm war, sondern fast wie ein Vakuum – eine Ruhe, in die man hineinsinken konnte, ohne verloren zu gehen.

Sie zog das kleine KI-Tool aus der Tasche, das sie halb im Spaß „Harold“ getauft hatte. Ein kurzer Befehl, und die Musik aus ihrer Jugend begann zu spielen. Synthesizerklänge füllten die Stille um sie, ein pulsierender Rhythmus, der durch die Jahre getragen wurde. Die ersten Takte von Tears for Fears‘ „Shout“ erklangen, und ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Manchmal frage ich mich, Nelly“, sagte sie leise, während die Hündin sich an ihre Füße legte, „ob wir damals nicht schon etwas gespürt haben. Diese Musik – sie war mehr als Unterhaltung. Sie war wie ein Echo aus einer Zeit, die wir noch nicht kannten.“

Sie schloss die Augen und erinnerte sich an ihr altes Zimmer, an die flimmernden Lichter ihrer Jugend. Musik auf Kassette, Kopfhörer, und draußen die Nacht, die unendlich schien. Damals war sie noch nicht Wissenschaftlerin, noch nicht Teil dieses komplexen Gefüges aus Forschung und Fragen. Aber irgendetwas in ihr hatte geahnt, dass es mehr gab als die sichtbare Welt.

„Shout, shout, let it all out…“ Die Stimme von Tears for Fears klang fast wie eine Beschwörung. Elena spürte das Flimmern wieder, nicht das aus dem Labor, sondern jenes eigentümliche Gefühl, das schon als Teenager in ihr lebte. Ein Kribbeln, ein Pulsieren, das sie nie erklären konnte, aber das sie begleitete wie ein unerkannter Schatten.

Als das nächste Lied begann, erkannte sie sofort die ersten Klänge: „Mad World“. Der Klang der Töne war melancholisch und klar, die Worte bohrten sich in die abendliche Stille.

„Damals dachte ich, es sei nur Musik“, murmelte sie. „Aber jetzt frage ich mich, ob das alles Hinweise waren. Musik ist wie das Universum, Nelly. Sie schwingt, sie hat Muster. Vielleicht haben wir damals schon Brüche in der Welt gespürt, die erst jetzt sichtbar werden.“

Nelly hob leicht den Kopf, als würde sie zuhören, und Elena lächelte. Es war ein seltsamer Gedanke, aber nicht abwegiger als viele Theorien, die sie in den letzten Wochen erörtert hatte. Das fremde Signal, das Flimmern – alles hatte eine Frequenz, eine Struktur, wie die Musik selbst.

Sie hob den Blick zum Himmel, wo der Mond still über den Baumwipfeln stand. „Manchmal stelle ich mir vor, das Universum hat einen Rhythmus, den wir noch nicht hören können. Vielleicht waren es die Musiker damals, die etwas davon eingefangen haben. Unbewusst, aber intuitiv. Sie haben nicht die Antworten gehabt, nur die Fragen in Töne gegossen.“

Der Wind wurde kühler, und Elena zog die Jacke enger um sich. Die Musik verstummte langsam, aber die Worte hallten noch nach. „The dreams in which I’m dying are the best I’ve ever had…“ Ein Satz, der so seltsam und zugleich wahr klang wie alles, was sie in letzter Zeit erlebt hatte.

Nelly gähnte und legte den Kopf auf ihre Füße. Elena sah sie an und strich ihr sanft über das Fell. „Vielleicht ist es ja genau das, was wir tun müssen“, sagte sie nachdenklich. „Zuhören. Den Mustern, den Flimmern, den Tönen. Vielleicht finden wir so heraus, was das alles bedeutet.“

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