Elena lag im Bett, die Decke über die Schultern gezogen. Neben ihr schlief Nelly, die kleine Yorkshire-Terrier-Hündin, eingekuschelt in die Wärme. Wie jeden Abend hatte sie sich ihren Platz erkämpft, ein kleines Bündel aus Fell und Ruhe. Elenas Atem wurde langsamer, ihre Gedanken lösten sich, wie ein Blatt, das auf einen stillen See fällt. Schlaf umhüllte sie, leise und schwerelos.
Elenas Traum begann sich zu entfalten wie eine Symphonie. Farben erschienen in ihrem Traumbewusstsein, unbeschreibliche Farben, die es so eigentlich nicht gibt. Sie flossen wie ein lebendiger Strom durch eine endlose Dunkelheit, glühten und pulsierten, formten Wirbel und Muster, die sich zu etwas Größerem zusammenfügten. Türkis leuchtete zu Gold, Purpur verschmolz mit Smaragd, und ein tiefes Blau vibrierte, als hätte es einen Herzschlag. Elena schwebte hindurch, körperlos und frei, als wäre sie selbst Teil dieses Farbenspiels.
Dann begann die Musik. Es war, als hätte das Universum zu singen begonnen. Ein Klang, so vollkommen, dass er keine Melodie brauchte. Es war der Herzschlag von allem, was war und jemals sein würde – sanft und gewaltig zugleich. Die Musik wuchs, wie Wellen, die auf sie zurollten, und jede einzelne Schwingung vibrierte in ihrem Inneren, verband sich mit ihr, bis sie selbst zu klingen begann. Elena wurde zum Resonanzkörper, ein Teil der Musik, und doch nur ein winziger Punkt darin.
Aus der Musik formten sich Lichtgestalten, körperlos und doch lebendig, die sich am Rande ihres Blicks bewegten. Eine besondere Gestalt trat aus ihnen hervor, doch sie war nicht greifbar – ein schimmernder Schatten, ein pulsierendes Zentrum aus Licht. Keine feste Form, nur Anwesenheit. Es zog sie an, leise und unaufhaltsam, wie die Schwerkraft eines Sterns. Elena fühlte, dass sie auf dieses Wesen zuging, oder vielleicht zog es sie in sich hinein. Sie spürte keine Angst, nur ein tiefes Gefühl von Zugehörigkeit, von Ankunft.
In dem Moment, in dem sie sich mit dem Wesen vereinte, wurde ihr Körper zu Licht. Die Musik schwoll an, füllte sie aus, und sie fühlte, wie sich die Grenzen zwischen ihr und der Welt auflösten. Sie war nicht mehr nur Elena – sie war alles. Jeder Stern, jede Galaxie, jedes Flimmern der Farben war ein Teil von ihr, und sie konnte alles sehen. Jede Bewegung, jede Verbindung, das Fließen der Dinge, als sei die Zeit selbst durchsichtiger geworden.
Vor ihr, in der Dunkelheit, begannen Linien zu leuchten. Goldene Muster, die sich wie zarte Äste eines Baumes ausbreiteten. Es war keine Gleichung, die sie je gesehen hatte. Es war lebendig, pulsierend, voller Schönheit – ein Gerüst, das das Universum trug. Die Weltformel. Elena verstand sie nicht nur, sie fühlte sie. Es war nicht bloße Mathematik, sondern der Gedanke, der allem zugrunde lag. Die Sterne, die Farben, die Musik – alles war darin verwoben, in einem perfekten Satz, der keine Worte brauchte.
Für diesen einen Atemzug war ihr alles klar. Die Geheimnisse der Welt, das Unsichtbare hinter der Wirklichkeit – sie sah es, berührte es und wusste, dass es wahr war.
Doch wie ein Windhauch, der das Licht einer Kerze ausbläst, begann die Formel zu zittern. Die Linien flimmerten, zerbrachen in Fragmente. Elena wollte sie festhalten, wollte sie in sich einschließen, doch das Wesen zog sich zurück. Die Musik wurde leiser, die Farben verblassten, und das Wissen, das so klar gewesen war, begann sich in Dunkelheit aufzulösen. Der Moment der Vereinigung schwand. Elena fühlte, wie sie aus der Allverbundenheit herausfiel, zurück in die Enge ihres Körpers.
Elena wachte auf. Schweiß stand auf ihrer Stirn, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Neben ihr lag Nelly, die kleine Hündin, noch immer zusammengerollt in ihrer kleinen Höhle aus Decken. Alles war still. Nur der Traum hallte nach – die Farben, die Musik, die Formel. Elena setzte sich auf und presste die Hände an die Stirn. Sie hatte sie gesehen. Verstanden. Ein Wissen, das größer war als alles, was sie je gekannt hatte. Aber jetzt… jetzt war es fort. Nur ein Echo, das in ihr schwebte und leiser wurde.
Verzweifelt versuchte sie, sich daran zu erinnern. Die Linien, die sich zu der Weltformel gefügt hatten – sie waren doch so klar gewesen! Sie schloss die Augen, krallte die Finger in die Bettdecke. Aber je mehr sie danach griff, desto schneller zerrann es. Wie Wasser zwischen den Fingern.
Langsam stand sie auf. In der Küche lief der Kaffee durch die Maschine, während Elena mit leerem Blick aus dem Fenster starrte. Die Welt draußen sah aus wie immer. Bäume, Straßen, der Himmel, der ins Licht des Morgens überging. Doch in ihr war noch etwas. Der Traum hatte etwas in ihr berührt, das nicht verschwinden wollte. Die Musik, die Formel, das Wissen – es war da gewesen, irgendwo tief in ihr. In diesem Moment spürte sie, dass die Welt mehr war als das, was sie zu sehen vermochte. Das Universum hatte für einen kurzen Moment seine Geheimnisse geteilt – und vielleicht würde sie sie eines Tages wiederfinden.

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