Elena saß auf der Bettkante. Der Traum – die Farben, die Musik, die Formel – hallte in ihr nach wie ein Echo, das nicht verstummen wollte. Sie musste raus. Irgendetwas tun, das die Bilder in ihrem Kopf betäubte.
Eine Stunde später war sie in der Disco. Die Musik donnerte, der Bass vibrierte durch ihren Körper. Lichtblitze in Blau, Rot und Violett zerschnitten die Dunkelheit, ließen die Gesichter der Menschen für einen Moment aufleuchten und wieder verschwinden. Elena tanzte, ließ sich in den Rhythmus fallen, wurde eins mit der Menge. Der Alkohol rauschte in ihr, die Welt wurde weich und unwirklich.
Doch irgendwann begannen die Lichter zu flimmern. Flüchtige Linien erschienen für Sekunden in der Luft, wie goldene Muster, die sich formten und wieder auflösten. Elena hielt inne, rieb sich die Augen. Die Gesichter um sie herum schienen zu verzerren, die Bewegungen der Tanzenden wurden zu Silhouetten, die ineinander übergingen. Sie spürte, wie alles um sie herum zu schwanken begann.
Ein plötzlicher Schub aus der Menge brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie stieß gegen einen Mann an der Bar, der gerade an seinem Glas nippte. „Alles okay?“ fragte er und sah sie irritiert an.
Elena stützte sich an der Theke ab, das Glas in seiner Hand wirkte fremd und weit entfernt. „Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, die Welt sei nicht echt?“ Ihre Stimme zitterte, aber sie konnte nicht aufhören. „Als gäbe es eine Formel, die alles erklärt? Ich habe sie gesehen… eine Gleichung, die alles verbindet. Alles.“
Der Mann starrte sie an, als hätte sie den Verstand verloren. „Was redest du da? Ich glaube, du hast zu viel getrunken.“ Er zog seine Stirn kraus, nahm sein Glas und murmelte: „Vielleicht solltest du nach Hause gehen.“ Dann wandte er sich ab, als wäre sie Luft.
Elena sah ihm nach, während die Worte in ihrem Kopf kreisten. Du hast zu viel getrunken. Aber sie wusste, dass es wahr war. Sie hatte es gesehen.
Der Raum begann zu schwanken, oder vielleicht war es nur sie. Das Licht der Disco wurde zu etwas anderem. Die grellen Farben zuckten durch die Luft, verbanden sich erneut zu Mustern, als hätten sie ein eigenes Leben.
Die Spiegelkugeln an der Decke warfen tanzende Lichtpunkte auf die Wände, die wie Sterne wirkten. Elena hob den Kopf, folgte dem flimmernden Licht. Für einen Moment war es, als öffnete sich der Himmel über ihr, als würden die Linien aus ihrem Traum mitten in der Luft erscheinen, strahlend, golden und voller Bedeutung.
„Nicht echt“, murmelte sie und stolperte los, hinaus in die kühle Nachtluft.
Als Elena die Augen aufschlug, lag sie in ihrem Bett. Der Raum war still, die Luft kalt und klar. Neben ihr schnarchte leise Nelly, an ihre Seite gekuschelt. Elenas Herz schlug schwer in ihrer Brust, und für einen Moment wusste sie nicht, wie sie nach Hause gekommen war.
Sie richtete sich langsam auf. Auf dem Nachttisch lag ein Zettel, sorgfältig gefaltet, als hätte ihn jemand mit Bedacht dort hingelegt. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Mit zitternden Fingern griff sie danach und faltete ihn auf. Die Schrift war klar, ruhig und fremd.
„Bald wirst du verstehen. Der Traum ist der Träumer.“
Elena starrte auf die Worte. Ihr Atem stockte. Sie drehte den Zettel um, suchte nach einer Erklärung, nach irgendeinem Hinweis. Doch er war leer, nur diese Botschaft, die so schlicht war und doch alles in ihr erschütterte.
Nelly hob kurz den Kopf, sah sie an, als spürte sie Elenas Unruhe, bevor sie sich wieder einrollte.
Elena ließ sich zurück in die Kissen sinken, den Zettel noch immer in der Hand. Die Disco, das Licht, die Linien – es war kein Zufall. Jemand wusste davon. Jemand hatte sie gesehen.
Der Traum, die Botschaft, die flimmernde Welt – alles zog sie in etwas hinein, das größer war als sie selbst. Und sie wusste, dass es erst der Anfang war.

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