Die Wohnung war still. Nur das leise Summen der nächtlichen Stadt drang durch das Fenster. Elena saß auf dem Boden, das Glas Rotwein in der Hand, und starrte auf die Schatten, die die Straßenlaternen an die Wände warfen. Die vergangenen Ereignisse ließen sie nicht los und stürzen sie in Verzweiflung.
Sie griff zu ihrem Handy. In solchen Momenten war es immer ihr Vater, mit dem sie sprechen wollte. Derjenige, der Antworten hatte, oder zumindest die richtigen Fragen stellte. Das Freizeichen drang träge in die Stille.
„Schon wieder so spät, Elena?“, sagte die Stimme ihres Vaters am anderen Ende, verschlafen, aber warm.
„Kannst du nicht schlafen? Oder hast du mal wieder zu viel gedacht?“
„Beides.“ Elena lächelte schwach. „Ich muss dich was fragen. Was glaubst du – warum sind wir hier? Warum gibt es Leben? Und uns?“
Er seufzte, und sie hörte das Rascheln der Bettdecke, als er sich aufrichtete. Es erinnerte sie an ihre Kindheit, an Nächte, in denen sie die gleichen Fragen gestellt hatte. Sein Ton war ruhig und nachdenklich, fast vertraut, als würde er schon lange auf diese Frage warten.
„Wissenschaftlich gesehen ist das einfach zu beantworten“, begann er. „Evolution, Überleben, Weitergabe von Genen. Aber das erklärt nicht, warum uns das Leben manchmal so bedeutungsvoll erscheint. Warum du in den Himmel blickst und das Gefühl hast, dass du ein Teil von etwas bist, das so viel größer ist.“
Elena schloss die Augen. „Also ein Ziel? Glaubst du, das Leben hat einen Sinn, ein Ziel? Oder projizieren wir das nur hinein, weil wir es brauchen?“
„Vielleicht beides“, sagte er leise. „Wir Menschen suchen nach Sinn, weil wir begreifen, dass alles endlich ist. Ohne diese Suche wären wir orientierungslos – wie ein Blatt im Wind. Aber vielleicht liegt der Sinn des Lebens auch einfach darin, zu leben. Zu wachsen, zu erkennen und Schönheit zu finden – Schönheit, die außerhalb von uns liegt, aber auch in uns selbst.“
Elena schwieg. Der Klang seiner Stimme und seine Worte hallten in ihr nach. Ein Echo, so dachte sie, wie das Signal im Labor.
„Und was, wenn es keine Schönheit gibt?“, murmelte sie. „Was, wenn das Leben nur Chaos ist?“
„Dann ist es an uns, die Schönheit zu sehen“, entgegnete er sanft. „Vielleicht besteht die wahre Kunst des Lebens darin, etwas Gutes zu erkennen, selbst wenn es verborgen ist.“
Sein Satz ließ sie aufhorchen. Das Gute. Das, was man nicht sofort sah, aber das irgendwo vorhanden war. Sie dachte an das Signal zurück, das sie entdeckt hatte – etwas, das wie ein verborgenes Muster wirkte, ein leises Flimmern, das die Stille des Universums durchbrach.
„Glaubst du an Gott?“, fragte sie plötzlich.
Ihr Vater schwieg einen Moment, als würde er seine Worte abwägen.
„Ich glaube, dass es eine Ordnung gibt“, sagte er schließlich. „Etwas, das uns übersteigt, aber dennoch in allem steckt. Manche nennen es Gott. Andere nennen es Natur oder Zufall. Vielleicht ist es die mathematische Struktur des Universums – ein Code, der Chaos und Schönheit miteinander verbindet.“
„Also kein Gott, der uns zuhört“, entgegnete Elena.
„Vielleicht nicht so, wie wir es uns vorstellen“, antwortete er. „Vielleicht ist Gott nicht ein Wesen, das irgendwo sitzt und uns beobachtet. Vielleicht ist Gott das Leben selbst. Der Prozess, der uns alle verbindet, von den Sternen über die Erde bis hin zu uns Menschen.“
Elena schaute hinaus in die Nacht. In der Ferne blinkten die Sterne.
„Das bedeutet dann“, sagte sie langsam, „dass wir selbst ein Teil von dieser Ordnung sind. Dass wir Spuren hinterlassen, wie kleine Wellen, die sich ausbreiten.“
Ihr Vater lächelte. „Genau. Vielleicht besteht der Sinn nicht darin, die Antwort zu finden, sondern in der Suche selbst. In den Momenten, in denen wir innehalten, staunen und das Gefühl haben, dass es etwas gibt, das bedeutungsvoll ist – selbst wenn wir es nicht verstehen.“
Elena lehnte sich zurück. „Wie ein Brief an das Universum“, murmelte sie.
„Und wir sind diejenigen, die ihn schreiben“, ergänzte ihr Vater leise.
Elena legte das Telefon beiseite. Ihre Gedanken waren noch immer unruhig, aber etwas darin hatte sich beruhigt – wie ein Stein, der auf den Grund eines Sees gesunken war. Sie blickte erneut zum Himmel und fühlte sich für einen kurzen Moment weniger allein.

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