Flug zu den Sternen Kapitel 1: Elenas Karriere

Im Jahr 2055. Die Flure der Universität waren still, nur das Klacken von Elenas Absätzen hallte durch die langen Gänge. Sie war auf dem Weg zu ihrem Büro, den Kopf voller Gedanken über die Vorlesung, die sie gerade gehalten hatte. Der Saal war wie immer voll gewesen. Ihre Studenten lauschten ihr mit einer Mischung aus Bewunderung und Neugier – nicht nur wegen ihres tiefen Wissens über Kosmologie, sondern wegen der Leidenschaft, die sie in jedes Thema legte.

Elena hatte sich einen Namen gemacht. Ihre Arbeiten über die Entstehung von Sternen, Exoplaneten und die Bedingungen für Leben jenseits der Erde waren bahnbrechend. Ihre Publikationen zählten zu den meistzitierten, ihre Konferenzen waren gut besucht. Als Professorin lehrte sie an einer der renommiertesten Universitäten des Landes und genoss die Anerkennung ihrer Kollegen. Es war ein langer Weg gewesen, und dennoch – manchmal fühlte es sich an, als wäre sie diesen Weg nicht ganz allein gegangen.

In ihrem Büro angekommen, ließ sie sich in den großen Sessel hinter ihrem Schreibtisch fallen. Die Mittagssonne fiel durch das Fenster und beleuchtete die vielen Bücher und Notizen, die ihren Arbeitsplatz säumten. Ihr Blick wanderte über die Regale, blieb aber schließlich an einem kleinen Foto hängen, das sie immer bei sich hatte. Es zeigte nicht viel – nur eine Silhouette in der Dämmerung, verschwommen, als wäre das Bild zu schnell aufgenommen worden. Für Elena war es mehr als ein Andenken. Es war ein Symbol für etwas, das sie nicht mehr richtig greifen konnte.

Da waren Erlebnisse in ihrem Leben gewesen, die sie verändert hatten – Dinge, die sie nicht erklären konnte, selbst mit all ihrem Wissen. Sie erinnerte sich an die Nächte, in denen sie lange wachgelegen hatte, nach Erklärungen suchend, ohne eine Antwort zu finden. Es gab Momente, in denen sie glaubte, dass die Fragen, die sie umtrieben, mehr über sie selbst sagten als über das Universum. Mit der Zeit hatten diese Erinnerungen jedoch an Schärfe verloren, wie ein Traum, der langsam verblasste, je mehr man sich dem Tageslicht näherte.

Die Wissenschaft hatte ihr geholfen, diese Fragen zu verdrängen. Ihre Karriere forderte sie heraus, zwang sie, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Vorlesungen, Forschung, Konferenzen – ihr Alltag war ein geordneter Strom aus Aufgaben und Zielen. Doch manchmal, in den stillen Momenten, spürte sie, wie diese Erlebnisse wieder an die Oberfläche traten. Dann fragte sie sich, ob sie wirklich hinter sich lassen konnte, was sie erlebt hatte, oder ob es nur darauf wartete, sie erneut einzuholen.

Sie griff nach einem Stift und begann, sich Notizen zu ihrer nächsten Vorlesung zu machen. Das Thema war eines ihrer liebsten: die Rolle von Exoplaneten in der Suche nach außerirdischem Leben. „Die Wissenschaft,“ schrieb sie mit eleganter Handschrift, „ist mehr als eine Methode, die Welt zu erklären. Sie ist ein Weg, uns selbst zu erkennen.“

Elena hielt inne und lächelte schwach. Es war ein Satz, den sie oft sagte – in ihren Vorlesungen, bei Interviews, in Gesprächen mit ihren Kollegen. Doch in Momenten wie diesem fühlte er sich für sie selbst bedeutungsvoller an. Vielleicht war es diese Suche nach dem Selbst, die sie so weit gebracht hatte.

Sie stand auf und trat ans Fenster. Von hier aus konnte sie die alten Gebäude der Universität und den Campus überblicken. Die Sonne war warm auf ihrer Haut, und der Wind rauschte leise durch die Bäume. Für einen Augenblick spürte sie Frieden. Die Fragen, die sie einst gequält hatten, waren nicht verschwunden. Sie waren wie alte Bekannte, die sie aus der Ferne grüßten. Doch sie wusste, dass ihr Platz jetzt hier war – in dieser Welt, in dieser Rolle.

Der Computer auf ihrem Schreibtisch summte und riss sie aus ihren Gedanken. Eine E-Mail von einem Kollegen erinnerte sie an ein Treffen, das bald beginnen würde. Sie nickte leise zu sich selbst, kehrte zum Schreibtisch zurück und schloss ihre Notizen. Es gab Arbeit zu tun. Die Sterne konnten warten – für den Moment.

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