Nach dem plötzlichen Erscheinen des farbenfrohen Planeten vor ihnen hatte sich die Crew der Aurora gesammelt. Die Diskussion war intensiv, und die Meinungen gingen auseinander. Elena bestand darauf, die Oberfläche genauer zu untersuchen, aber nicht zu riskieren, zu landen. Schließlich einigte man sich darauf, den Planeten aus geringer Höhe zu überfliegen – in etwa zwei bis drei Kilometern Höhe – und detaillierte Beobachtungen sowie chemische Analysen durchzuführen.
Die Aurora senkte sich in die Atmosphäre des Planeten, die erstaunlich klar und ruhig war, aber keinen Sauerstoff mehr enthielt, nur Spuren von chemischen Elementen, die auf eine längst vergangene Biosphäre hindeuteten. Von Vegetation oder Leben fehlte jede Spur, bis auf einige vereinzelte Bereiche, in denen dichte, wuchernde Pflanzen die Landschaft beherrschten. Doch dort, wo das Raumschiff seinen Kurs hielt, erstreckte sich eine karge, trockene Ebene.
Und dann sahen sie die ersten Bauten.
Es begann mit einem einzelnen Bauwerk, das in der Ferne wie ein geometrischer Schatten aus dem Boden ragte. Als sie näherkamen, offenbarte sich seine wahre Gestalt: eine gewaltige Pyramide, die sich fast 500 Meter in den Himmel erstreckte. Ihre Oberfläche schimmerte im Licht der fernen Sonne, als wäre sie aus poliertem Stein oder Marmor gefertigt.
„Das… das sind Pyramiden,“ flüsterte Ayana, während sie aus dem Fenster starrte. „Wie… aber warum? Wer hat das gebaut?“
„Und warum stehen sie noch?“ fügte Jacob hinzu.
Es war nicht nur diese eine Pyramide. Je weiter die Aurora flog, desto mehr dieser Bauwerke tauchten auf, als hätten sie sich in Gruppen oder Städten organisiert. Manche Pyramiden waren kleiner, in Reihungen angeordnet, während andere in majestätischer Isolation standen. Ihre Oberflächen waren makellos, als ob die Zeit ihnen nichts anhaben konnte.
„Seht euch das an,“ sagte Elena und wies auf die Anzeigen. „Kein Sauerstoff. Keine Biosignaturen. Keine Technosignaturen. Aber das… das hier…“
Sie deutete auf die Monitore, die die chemischen Analysen der Bauten anzeigten. „Das ist nicht nur Stein. Es ist eine Verbindung, die wir nicht kennen. Ein Material, das selbst unter diesen Bedingungen Jahrtausende überlebt haben muss.“
Die Aurora flog weiter, und bald entdeckten sie mehr als nur Pyramiden. Da waren Türme, schlank und hoch, manche davon wanden sich wie Spiralen in den Himmel, glitzernd im Licht der Sonne. Andere erinnerten an riesige Hallen oder Tempel, mit massiven Säulen, die mit unbekannten Symbolen verziert waren.
„Das hier muss einst eine Zivilisation gewesen sein,“ sagte Ayana ehrfürchtig. „Eine Zivilisation, die Größe und Schönheit vereint hat… und die jetzt verschwunden ist.“
Die Bauten waren nicht nur monumental, sie waren auch rätselhaft. Manche von ihnen schienen wie leere Hüllen, während andere so prächtig verziert waren, dass es fast schien, als ob sie gerade erst verlassen worden wären. Und doch gab es nirgendwo ein Zeichen von Leben, weder in der Gegenwart noch in der Vergangenheit.
„Was ist mit den Pflanzen dort hinten?“ fragte Liam und zeigte auf eine Region, die mit dichten, dunklen Gewächsen bedeckt war.
„Wahrscheinlich Relikte einer anderen Zeit,“ antwortete Elena, ohne den Blick von den Monumenten abzuwenden. „Aber seht, wie sie sich von diesen Bauten fernhalten. Als ob die Pflanzen selbst sie meiden würden.“
Die Aurora flog weiter, und eine neue Stadt tauchte am Horizont auf. Diesmal waren die Strukturen noch fremdartiger. Große Kuppeln aus schimmerndem Material, das wie Perlmutt wirkte, ragten aus dem Boden. Zwischen den Kuppeln verliefen Brücken, so filigran, dass sie fast unwirklich wirkten.
„Das ist nicht einfach nur Architektur,“ sagte Elena. „Das ist Kunst. Aber Kunst von einer Zivilisation, die wir nicht verstehen.“
„Und sie ist tot,“ sagte Jacob leise. „Alles hier ist tot.“
Die Stille im Cockpit war fast greifbar, während die Crew die Stadt überflog. Sie war riesig, erstreckte sich über mehrere Kilometer und bestand aus einer Mischung von Pyramiden, Türmen und Kuppeln, die in einem harmonischen, aber unverständlichen Muster angeordnet waren. Es war, als hätte alles hier eine Bedeutung, die sie nicht entschlüsseln konnten.
„Was auch immer hier passiert ist,“ sagte Ayana schließlich, „es hat alles ausgelöscht. Leben, Technik, alles. Nur diese Bauten sind geblieben.“
Elena nickte, doch ihre Gedanken waren woanders. Sie konnte sich nicht des Gefühls erwehren, dass sie beobachtet wurden. Die Kugel, die sie hierhergeführt hatte, schwebte irgendwo in der Nähe, lautlos und reglos, doch ihre Präsenz war fast greifbar.
Plötzlich wurde die Stille durch ein Signal unterbrochen. Es war schwach, aber eindeutig – ein Echo, das durch die Systeme der Aurora hallte. Die Kugel war zurück, schwebte jetzt sichtbar über einer der Städte.
Und dann kam die Stimme. Kalt, fremdartig, und doch klar:
„Seht hin.“
Die Crew erstarrte, während das Licht der Sonne die Monumente erhellte und ihre Schatten in die Leere warf. Draußen blieb alles reglos, doch die Worte hallten in ihren Köpfen nach, als ob sie von einer Macht stammten, die jenseits ihres Verständnisses lag.

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