Flug zu den Sternen Kapitel 11: Das Prisma

Die Aurora flog weiter. Am Horizont zeichnete sich plötzlich eine gewaltige Struktur ab. Es war ein kristallähnliches Gebilde, wie ein gewaltiges Prisma, das sich immer deutlicher abzeichnete. Ein riesiger Tetraeder, dessen Flächen in verschiedenen Farben pulsierten. Es schwebte einige Dutzend Meter über der Oberfläche des Planeten und wurde von keiner sichtbaren Struktur gehalten.

Die Crew hielt einen respektvollen Abstand, als sie sich dem Prisma näherten, das majestätisch über dem Planeten schwebte.

Es war nicht einfach ein Tetraeder. Jede der vier Flächen spiegelte eine andere Realität wider, als ob der Raum selbst in mehrere Dimensionen gespalten wäre. Es war ein interdimensionales Gerät, das das Licht und die Zeit in sich aufnahm, eine Bühne für eine Geschichte, die durch den Raum und die Zeit floss.

Die Crew starrte zuerst auf die Fläche direkt vor ihnen. Sie war die größte, die glänzendste. Auf ihr erschien eine Zivilisation, humanoide Wesen, die eine faszinierende Physiognomie besaßen, die an Insekten erinnerte. Sie hatten schimmernde Haut und mandibelartige Gesichter, die ihre Augen zu Edelsteinen machten. Diese Wesen standen in Andacht vor prunkvollen Tempeln, die aus glänzendem Material bestanden. Es war eine Welt der Ruhe und Harmonie, ein Leben, das in Einklang mit dem Universum war.

„Das ist eine Darstellung ihres Glaubens“, sagte Ayana. „Sie sehen das Universum als einen göttlichen Plan, in dem alles seinen Platz hat.“

Die Wesen schienen in tiefem Einklang mit ihrer Umgebung zu leben. Ihre Bewegungen waren langsam und bedacht, ihre Haltung würdevoll und voller innerer Ruhe. Es war eine Kultur, die ihren Ursprung in Spiritualität und Religion fand, ein Leben, das in der Verbindung zum Kosmos erblühte.

Doch als die Crew die nächste Fläche betrachtete, begannen sich die Bilder zu verändern. Die prächtigen Städte und Tempel der ersten Szene wurden zunehmend weniger harmonisch. Es war ein subtiler Wandel – die Bewohner begannen, sich von ihren heiligen Stätten zu entfernen, und in ihren Augen war eine Veränderung zu sehen. Die ursprüngliche Verbundenheit mit dem Kosmos war immer weniger zu spüren.

„Es ist, als ob sie begannen, ihre eigene Bedeutung zu suchen, ihre eigenen Wahrheiten zu erfinden“, sagte Elena. „Das ist der Punkt, an dem die Gesellschaft zu bröckeln begann.“

Auf dieser Fläche war keine Gewalt zu sehen, aber eine langsame Abkehr von den spirituellen Prinzipien. Es war eine allmähliche Verfälschung des Glaubens, ein Verlust der moralischen Verbindung. In den Szenerien, die sich entfalteten, sah man keine Offenbarung mehr, sondern Egoismus und Selbstzentriertheit, die begannen, sich in der Gesellschaft auszubreiten.

„Es ist wie eine Krankheit, die den Verstand befällt“, sagte Jacob. „Und sie konnte nicht gestoppt werden.“

Als die Crew ihre Blicke zur dritten Fläche wandte, sahen sie die endgültigen Konsequenzen dieser Entwicklung. Die einst blühende Zivilisation war von innen heraus zerfallen. Es war keine äußere Katastrophe gewesen, sondern der Verlust des moralischen Gleichgewichts, der die Gesellschaft zerstörte. Die Strukturen, die einst das Fundament ihres Lebens waren, begannen zu verfallen. Die Wesen schienen sich zunehmend voneinander zu isolieren, ihre einstige Verbundenheit war zerbrochen. Das Prisma zeigte die letzten Momente dieser Zivilisation: Ein Planet im Chaos, dessen Bewohner sich nicht mehr erkennen konnten.

„Es ist der Virus des Geistes“, sagte Elena mit leiser Stimme. „Der Virus, der die Moral zerstört und alles andere mit sich reißt.“

Das Prisma blieb reglos, und die Bilder der letzten Fläche verschwanden langsam, aber die Bedeutung ihrer Darstellung hallte in den Köpfen der Crew wider. Sie hatten nicht nur das Ende einer Zivilisation gesehen, sondern auch die Warnung, die damit verbunden war.

„Wir dürfen nicht denselben Fehler machen“, sagte Ayana schließlich.“

Mit diesen Worten entfernte sich die Aurora vom Prisma. Doch die Bilder der zerstörten Welt, die sie gesehen hatten, blieben in ihren Gedanken, ein Mahnmal für das, was geschehen kann, wenn der moralische Kompass einer Zivilisation verloren geht.

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