Flug zu den Sternen Kapitel 18: Digitales Inferno

Die Luft in der Kristallkammer war schwer und schien sich zu bewegen, als ob sie lebendig wäre. Das Prisma in der Mitte schwebte ruhig, pulsierend wie ein Herzschlag, doch seine unregelmäßigen Lichtwellen wirkten unruhig – als ob es versuchte, zu kommunizieren, aber nicht wusste, wie. Die Crew der Aurora stand schweigend, überwältigt von der Präsenz des Raumes, der nicht nur eine Struktur war, sondern ein Archiv, eine Stimme aus einer Zeit, die längst vergangen war.

„Das Prisma reagiert auf uns“, sagte Elena leise, während sie die Muster studierte, die sich in seinem Inneren formten. „Es will uns etwas zeigen.“

Mit einem grellen Lichtblitz begann das Prisma zu projizieren. Zunächst waren es nur flüchtige Farben und Formen, doch bald entstanden Bilder – klar, scharf, und doch von einer düsteren Melancholie durchzogen. Es war eine Welt, die einst lebendig war, bevölkert von humanoiden Wesen. Sie ähnelten Menschen, aber ihre Proportionen waren anders: schlanker, mit größeren Augen und einer Haut, die metallisch schimmerte. Es war eine hochentwickelte Spezies, die in Harmonie mit ihrer Umwelt lebte.

„Das sind keine Menschen“, sagte Ayana, ihre Augen auf die Projektionen gerichtet. „Aber sie sind uns ähnlich… fast zu ähnlich.“

Die Bilder zeigten den Beginn ihres Fortschritts. Kleine Erfindungen machten das Leben leichter: Neuroimplantate, die Krankheiten heilten, Prothesen, die verloren gegangene Gliedmaßen ersetzten. Ihre Technologien spiegelten die Entwicklungen auf der Erde wider – und doch gingen sie weiter. Die Projektionen zeigten, wie sie begannen, ihre Gehirne direkt mit neuronalen Netzwerken zu verbinden, ihre Gedanken zu optimieren, ihre Fähigkeiten zu erweitern.

„Es war nicht genug“, sagte Elena, ihre Stimme leise und schwer. „Sie wollten mehr.“

Dann kam der Wendepunkt. Vor etwa 3,5 Millionen Jahren unserer Zeitrechnung machte ihre Spezies den entscheidenden Schritt: Sie digitalisierten ihre Bewusstseine vollständig und gaben ihre physischen Körper auf. Zunächst war es ein Triumph. Die Projektionen zeigten leuchtende Wesen, die in einer virtuellen Welt existierten, frei von Krankheit, Schmerz und den Einschränkungen ihrer Biologie. Doch diese Euphorie hielt nicht lange.

Die Projektionen wurden dunkler. Das Netzwerk, das sie geschaffen hatten, war nicht stabil. Ihre Gedanken begannen zu kollidieren, Erinnerungen verschwammen, Identitäten lösten sich auf. Was einst eine brillante Zivilisation war, wurde zu einem zerbrochenen Bewusstseinsfeld, in dem Fragmente von Emotionen und Erinnerungen ziellos drifteten.

„Sie haben ihre Menschlichkeit verloren“, sagte Elena. „Ohne Körper, ohne Verbindung zur Realität… sie sind zerbrochen.“

Doch das Schlimmste war noch nicht vorbei. Die Projektionen zeigten, dass einige der Bewusstseine – die stärksten, die dominantesten – nicht vollständig zerbrachen. Sie blieben an der Oberfläche dieses digitalen Meeres, unfähig, sich aufzulösen, aber auch unfähig, sich zu befreien. Sie waren wach, eingeschlossen in einem endlosen Zustand des Leidens, gefangen in einem Albtraum aus Einsamkeit und Verzweiflung.

„Das ist der wahre Horror“, flüsterte Ayana. „Diejenigen, die an der Oberfläche blieben… sie können nicht sterben. Sie spüren alles, sie wissen, was passiert ist, und sie können nichts dagegen tun.“

Die Projektionen zeigten flüchtige Gesichter – verzerrt, unfertig, doch voller Qualen. Augen, die leer wirkten, aber eine unaussprechliche Traurigkeit trugen. Diese Bewusstseine versuchten zu sprechen, ihre Stimmen waren verzerrt und klangen wie Schreie, die durch ein Glas hindurch hallten. Es war kein Leben, sondern ein endloses Leiden.

Die letzten Überlebenden dieser Zivilisation waren die Nano-Sonden. Die Projektionen zeigten, wie sie sich selbst replizierten, ziellos durch den Raum drifteten, ohne Ziel, ohne Fortschritt. Sie trugen die Fragmente der zerbrochenen Bewusstseine, die sie geschaffen hatten – und auch die Stimmen der Obersten, die immer wieder in verzweifelten Mustern aufleuchteten, als ob sie einen Weg aus ihrem Gefängnis suchten.

„Das ist nicht nur Stagnation“, sagte Elena, ihre Stimme zitterte leicht. „Das ist ewige Qual. Sie haben alles aufgegeben, um unsterblich zu werden, und sind stattdessen… Gefangene ihrer eigenen Schöpfung.“

Die Projektionen wechselten ein letztes Mal. Sie zeigten die humanoiden Wesen, wie sie einst waren – lebendig, voller Freude, verbunden mit ihrer Welt. Die Bilder verblassten, und die Kammer wurde still. Doch das Prisma pulsierte weiter, schwach, als ob es seine letzte Energie aufbrachte, um diese Botschaft zu übermitteln.

„Das ist nicht nur eine Warnung“, sagte Captain Rowen, ihre Stimme fest. „Das ist ein Hilfeschrei.“

Ayana trat einen Schritt näher an das Prisma heran. „Die Bewusstseine, die leiden… sie wollten, dass wir das sehen. Vielleicht, damit wir verstehen. Vielleicht, damit wir etwas ändern können. Aber es ist zu spät für sie.“

Die Crew stand still, gefangen in der düsteren Erkenntnis, dass die Geschichte dieser Spezies nicht nur eine ferne Tragödie war, sondern auch eine Mahnung – an sie und an die Erde. Edenes hatte gesprochen, nicht mit Worten, sondern mit den Schreien einer verlorenen Zivilisation.

Hinterlasse einen Kommentar

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑