Wie könnte ein durchschnittlicher Tag im Jahr 2050 aussehen – hier bei uns in Deutschland, für einen ganz normalen Menschen? Keine Extremsituation, kein Krieg, keine Science-Fiction – einfach nur Alltag. Genau das macht den Gedanken so unheimlich. Denn wenn sich alles so weiterentwickelt wie bisher, dann steht uns keine Zukunft bevor, die plötzlich kommt. Sondern eine, die schleichend über uns hinwegrollt – und erst zu spät bemerkt wird.
Der Tag beginnt digital – und du bist längst Teil des Systems
Du wachst nicht einfach auf. Du wirst von deinem Schlafsystem „aktiviert“. Die Matratze hat deinen Puls, deinen Schweiß und deine Atemfrequenz gemessen. Die KI hat entschieden, dass jetzt der richtige Moment ist.
Du bekommst keine Nachrichten im klassischen Sinn, sondern eine Art personalisierte Lageeinschätzung:
„Trink bitte mehr – die UV-Strahlung wird heute als gefährlich eingestuft.“
„Dein Stimmungsverlauf ist leicht abgesunken – vorgeschlagenes Gespräch mit deinem digitalen Coach um 13 Uhr.“
„Deine Energieverbrauchsquote liegt über dem sozialen Mittelwert – bitte anpassen.“
Das alles kommt nicht mehr als Push-Nachricht aufs Handy. Es ist eingebettet in deinen Alltag – über Wände, Spiegel, Brillen. Der Unterschied zwischen „Realität“ und „Interface“ ist längst verschwommen.
Arbeit ist kein Ort mehr – sondern ein Protokoll
Der Arbeitsweg entfällt. Seit Jahren arbeiten die meisten im Home-Modul – wenn sie überhaupt noch gebraucht werden. Deine Aufgabe: Entscheidungen begleiten, die automatisierte Systeme nicht eigenständig treffen dürfen. Ein Job wie: Zuständigkeitsberater für nichtlineare Einzelfälle. Klingt komisch? Ist aber völlig normal geworden.
Dein Chef ist eine KI, dein Team besteht aus Avataren. Du siehst echte Kollegen selten – vielleicht bei einer seltenen Präsenzwoche im Quartalszentrum. Ansonsten: digitaler Austausch, Video-Hologramm, automatische Mitschrift.
Freizeit ist durchoptimiert – und erstaunlich leer
Am Nachmittag bekommst du von deinem Gesundheitskonto einen Bewegungshinweis. Die Park-App zeigt: „Zu voll, 36 Personen im Nahbereich, Wartezeit: 18 Min.“ Also wählst du den Indoor-Wald. Dort ist frische Luft zirkuliert, Vogelstimmen simuliert, Waldgeruch eingespeist. Natürlich CO₂-neutral.
Abends dann: statt Gesprächen eine digitale Feedback-Analyse. Du bekommst Punkte für gute Stressregulation, einen Vorschlag für Schlafmusik und eine Warnung: „Emotionale Reizbarkeit über dem Monatsdurchschnitt – Selbstklärung empfohlen.“
Alles freiwillig. Alles zu deinem Besten. Und trotzdem – es fühlt sich nicht mehr nach deinem Leben an.
Und was fehlt?
Die Stadt. Die echte Arbeit. Das Ungeplante. Das Stolpern. Der Zufall.
Es fehlen Cafés mit Lärm. Menschen mit Meinung. Orte ohne Filter.
Es fehlen Schulen mit Herz, Pflege mit Zeit, Gespräche ohne Bildschirm.
Es fehlt… das Menschliche.
Ist das übertrieben?
Nein. Es ist nur weitergedacht.
Was heute noch neu ist – ist 2050 längst Alltag. Und was heute noch als Hilfsmittel gedacht ist – steuert dann vielleicht schon dein Denken.
Wir verlieren nicht alles auf einmal. Sondern in kleinen Stücken. Und kaum jemand merkt es. Weil Bequemlichkeit oft lauter ist als Einsicht.
Deshalb schreibe ich das hier.
Nicht als Science-Fiction. Nicht als Kulturpessimismus. Sondern als Warnung.
Weil ich glaube: Wenn wir nicht irgendwann bewusst die Richtung ändern, wird uns diese Zukunft nicht überraschen.
Sie wird einfach da sein.
Ganz normal.
Und das ist das eigentlich Erschreckende.

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