Zwischen Recht, Macht und Feuer – Warum der Angriff Israels auf den Iran so gefährlich ist

Der Angriff Israels auf iranisches Staatsgebiet hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Raketen schlugen tief im Landesinneren ein, militärische Ziele wurden getroffen, aber auch zivile Strukturen beschädigt. Israel sprach von einer Notwendigkeit der Selbstverteidigung – doch bei näherem Hinsehen ist die Sache komplizierter. Und gefährlicher, als es auf den ersten Blick scheint.

Natürlich ist Israels Bedrohungslage real. Der Iran ist ein autoritäres Regime, eine religiös geprägte Theokratie mit einer aggressiven Rhetorik gegenüber Israel und klarer Unterstützung für Terrorgruppen. Aber selbst das – so nachvollziehbar es sein mag – rechtfertigt keinen völkerrechtswidrigen Angriff.

Das Völkerrecht macht an dieser Stelle keinen Unterschied zwischen Demokratien und Diktaturen. Auch ein Land wie der Iran ist völkerrechtlich geschützt. Militärische Gewalt ist nur dann erlaubt, wenn ein Angriff unmittelbar bevorsteht – das sagen die UN-Charta und fast alle anerkannten Rechtskommentare. Doch genau dieser akute Angriff war im Fall Israels nicht nachweisbar. Es gibt keine Belege dafür, dass der Iran kurz davor stand, Israel direkt anzugreifen. Im Gegenteil: Ein Bericht der US-Geheimdienste vom März 2025 kommt zu dem Schluss, dass der Iran derzeit keine Atombombe entwickelt, sondern sein Atomprogramm vorwiegend zivile Ziele verfolgt.

Damit fällt ein zentrales Argument Israels weg. Und es bleibt der Eindruck: Hier wurde nicht verteidigt, sondern präventiv zugeschlagen. Und genau das ist völkerrechtlich hochproblematisch. Denn wenn ein Staat das Recht auf Selbstverteidigung so auslegt, dass er jederzeit losschlagen kann – einfach, weil er sich potenziell bedroht fühlt –, dann ist das der Anfang vom Ende einer regelbasierten Weltordnung.

Wer so handelt, setzt ein gefährliches Zeichen – nicht nur für heute, sondern für morgen. Denn andere Staaten schauen genau hin. Was, wenn China ähnlich gegen Taiwan vorgeht? Oder Russland gegen Moldawien? Wenn das Prinzip der „präventiven Selbstverteidigung“ Schule macht, dann leben wir bald wieder in einer Welt, in der Macht das Recht ersetzt. Eine Welt, in der jedes Regime seine Angriffe nachträglich mit „Gefahr“ oder „Sicherheit“ rechtfertigt.

Besonders erschreckend ist, wie einseitig viele westliche Staaten – darunter auch Deutschland – auf den Angriff reagierten. Öffentliche Kritik? Fehlanzeige. Stattdessen sprach CDU-Chef Friedrich Merz sogar davon, Israel übernehme in dieser Sache gewissermaßen „die Drecksarbeit“. Eine Formulierung, die mehr über unser Verhältnis zum Völkerrecht aussagt als jede offizielle Pressemitteilung.

Dabei wäre es gerade jetzt wichtig, nicht nur politische Bündnisse zu betonen, sondern sich auf das zu besinnen, was Staaten zusammenhalten soll: Recht, Regeln, Verhältnismäßigkeit.

Denn das Ganze ist nicht nur eine juristische Frage, sondern auch eine geopolitisch brandgefährliche Entwicklung. Der Konflikt zwischen Israel und dem Iran ist eingebettet in ein komplexes Spannungsfeld – mit Akteuren wie der Hisbollah, den Huthi-Rebellen, Russland, China, Saudi-Arabien, der Türkei. Und vor allem: den USA. Ein erneuter Krieg in der Region – unter Beteiligung der USA – würde zwangsläufig viele dieser Kräfte auf den Plan rufen. Und mit Präsidenten Trump im Weißen Haus ist die Lage noch unberechenbarer als ohnehin schon.

Wir bewegen uns auf einen Flächenbrand zu, den am Ende niemand mehr kontrollieren kann. Was jetzt noch wie ein begrenzter Schlag aussieht, kann morgen ein Flächenbrand sein – mit weltweiten Folgen. Das ist kein abstraktes Risiko, sondern eine reale Gefahr.

Und vielleicht lohnt sich gerade in dieser Lage ein Blick zurück: 1953 wurde im Iran der demokratisch gewählte Premierminister Mohammad Mossadegh von den USA und Großbritannien gestürzt – weil er es wagte, die Ölindustrie zu verstaatlichen. Der daraus entstandene Vertrauensbruch prägt das iranische Verhältnis zum Westen bis heute. Wer diesen Kontext kennt, versteht besser, warum der Iran sich bedroht fühlt – und warum jede Form westlicher Gewaltakte in Teheran nicht nur als Angriff, sondern als Wiederholung eines alten Traumas wahrgenommen wird.

Das soll keine Entschuldigung für das iranische Regime sein. Aber es ist ein notwendiger Teil der Geschichte – und wer die Gegenwart verstehen will, sollte die Vergangenheit nicht ausblenden.

Was also bleibt? Der Angriff Israels war sicherheitspolitisch nachvollziehbar – aber völkerrechtlich fragwürdig. Er gefährdet nicht nur das internationale Recht, sondern auch den ohnehin brüchigen Frieden im Nahen Osten. Und er bringt uns alle näher an eine Welt, in der Stärke wichtiger ist als Recht.

Hinterlasse einen Kommentar

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑