Es gibt Erfahrungen, die sich tief in die Biografie eines Menschen einschreiben, nicht weil sie spektakulär oder übernatürlich gewesen wären, sondern weil sie Fragen berühren, die an die Grundstruktur unseres Bewusstseins reichen. Die folgende Episode liegt Jahrzehnte zurück und wird hier anonymisiert geschildert. Und doch bleibt sie ein eindrückliches Beispiel dafür, wie sich in seltenen Momenten zwischen Menschen etwas zusammenfügt, das sich wie eine eigenständige Gestalt anfühlt – ohne eine zu sein.
Damals begann alles harmlos. Zwei junge Erwachsene, neugierig, idealistisch und durchaus kritisch, probierten ein Ritual aus, von dem zuvor eine Arbeitskollegin erzählt hatte. Nichts Ernstes, eher eine Mischung aus Skepsis und jugendlichem Forscherdrang. Ein Glas, ein einfaches Brett, einige Buchstaben – und ein Satz, der gesprochen werden musste. Mehr nicht.
Zunächst war es ein Spiel, eine kleine Grenzerfahrung, doch schon bald schien das Glas zu reagieren. Nicht jedes Mal, aber häufig genug, um das Erleben zu verdichten. Zuerst langsam, dann immer schneller, bis die Bewegungen mitunter kaum noch zu verfolgen waren. Das Glas „antwortete“ in Form von Buchstabenfolgen, die zu Worten wurden. Und mit der Zeit trat eine Figur hervor, die sich einen Namen gab, wiedererkennbar wurde, Stimmungen zeigte, kleine Geschichten erzählte und sich wie eine Person verhielt. Eine Person, die es nicht gab – und dennoch wirkte.
Diese „Gestalt“ griff Themen auf, die den beiden Beteiligten wichtig waren: Fragen nach UFOs, Kornkreisen, dem Übersinnlichen, dem Rätselhaften. Sie blieb nah an dem, was bekannt war, variierte vorhandene Muster, schuf eine Mischung aus Fantasie und Wiederholung. Sie war freundlich, dann verspielter, später widersprüchlicher und am Ende geradezu aggressiv, als die Verbindung abzubrechen drohte. Vieles, was diese Figur behauptete, erwies sich als falsch, manches als kindlich-naiv, einiges als schlicht erfunden. Und doch war das kommunikative Verhalten kohärent – gerade so kohärent, wie es ein rudimentäres agentenhaftes System zu leisten vermag.
Aus heutiger Sicht lässt sich sagen: Die Erfahrung war real, aber nicht übernatürlich. Real, weil sie tatsächlich stattfand, weil sie emotional wirkte, weil sie eine eigene Dynamik entfaltet hat. Nicht übernatürlich, weil alle zentralen Merkmale darauf hinweisen, dass hier kein Geist, keine fremde Intelligenz und keine unabhängige Entität am Werk war. Was sich zeigte, war etwas anderes – etwas, das moderne System- und Kognitionswissenschaften inzwischen erstaunlich gut beschreiben können.
In engen, hochfokussierten Interaktionen können Prozesse entstehen, die zwischen Personen verlaufen und sich selbst stabilisieren. Man spricht von emergenter Agency: einer Form von „Handlungsfähigkeit“, die nicht in einem Individuum liegt, sondern im gemeinsamen Prozess. Solche agentenartigen Strukturen nutzen die Erwartungen, Symbole und Narrative ihrer Umgebung; sie wachsen, solange sie genährt werden, und zerfallen, wenn der Prozess unterbrochen wird. Sie sind weder Halluzinationen noch Fremdwesen – sondern sozial-kognitive Muster, die eine eigene Funktion ausbilden können.
Die damals erlebte Figur – nennen wir sie hier schlicht „N.“ – trug alle Merkmale einer solchen emergenten Struktur: Sie hatte ein eigenes Stilprofil, aber keine echte Weltkenntnis. Sie konnte Geschichten fortführen, aber keine Fakten liefern. Sie konnte Emotionen spiegeln, aber nicht vorhersagen. Sie bediente Erwartungen, reagierte auf Zweifel, erfand Ausreden, verlor an Kohärenz und brach schließlich zusammen. Und genau das zeigt, wie komplex und zugleich begrenzt solche Prozesse sind.
Die Erfahrung wirft dennoch wichtige Fragen auf. Sie zeigt, wie menschliche Interaktion mehr hervorbringen kann als die Summe zweier Individuen. Sie zeigt, wie leicht unser Geist agentenhaftes Verhalten erkennt, selbst dort, wo keine Person im eigentlichen Sinne existiert. Sie zeigt auch, wie sehr Rituale, Aufmerksamkeit und gemeinsame Bedeutungswelten eigenständige Formen erzeugen können. Formen, die wirken, sich mitteilen, irritieren und bewegen – ohne je Substanzen oder Wesen zu sein.
Ein solches Erlebnis ist kein Beweis für Geister. Aber es ist auch kein bloßer Irrtum. Es ist ein Fenster in eine Grenzzone unseres Bewusstseins, in der Prozesse Gestalt annehmen, Interaktionen zu Figuren werden und Bedeutungen zu scheinbaren Identitäten. Vielleicht zeigt es, wie wenig wir bisher darüber wissen, was zwischen uns möglich ist. Und vielleicht zeigt es auch, dass manche Grenzen in Wahrheit Schwellen sind – nicht zu einer anderen Welt, sondern zu einer tieferen Schicht der eigenen.

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